Theater, Architektur, Welterfindung

Theaterbau in Nachkriegszeiten (1650/1950)

Ausgehend von umfangreichen historischen und bilddokumentarischen Recherchen entfaltet Jan Lazardzig die These, dass Theaterneubauten nach dem zweiten Weltkrieg ein neu auszuhandelndes Verständnis des öffentlichen Raumes widerspiegeln. Mies van der Rohes Modell anlässlich des Architekturwettbewerbs für das Mannheimer Nationaltheater (1953) gilt mit seinen transparenten Glasfassaden als prägend für die Nachkriegsdiskurse über Theaterarchitektur. Vertrauensstiftende Sichtbarkeit und der Bruch mit historisierenden Repräsentationsbauten können als idealisierte Vision für Stadtraumgestaltung und für gesellschaftliches Zusammenleben gesehen werden, vergleichbar mit italienischen Idealstadtentwürfen der Renaissance oder dem Werk des Architekten und Chronisten Joseph Furttenbach nach dem 30jährigen Krieg. Dass die nach außen präsentierte Transparenz und der symbolische Neuanfang nicht zwangsläufig mit einer reflektierten Neuerung der Theaterpraxis einhergehen, wird in Bezug auf Brechts Kritik am Nachkriegstheater problematisiert.

Der Vortrag fand im Rahmen der Vorlesungsreihe „Windows on architecture. Erkundungen in transdisziplinärer Perspektive“, organisiert von Dr. Julia Weber (FU Berlin) und Prof. Dr. Susanne Hauser (UdK), statt.

http://bauformen-der-imagination.de/lecture-series-windows-on-architecture/

Architektur besitzt eine hohe kulturelle und gesellschaftspolitische Relevanz. Als visuelles und kinästhetisches Medium strukturiert sie nicht nur Raum-, sondern zugleich auch Wissensordnungen und Wahrnehmungsweisen. Wie lassen sich diese beschreiben bzw. wissenschaftlich erforschen? Die gemeinsam von der Emmy Noether-Gruppe „Bauformen der Imagination. Literatur und Architektur in der Moderne“ und dem Lehrstuhl Kunst- und Kulturgeschichte im Studiengang Architektur der Universität der Künste konzipierte Ringvorlesung Windows on Architecture möchte eine übergreifende Reflexion von Architektur in transdisziplinärer Perspektive unternehmen. Sie setzt sich zum Ziel architekturtheoretische und architekturgeschichtliche Forschungen mit „fachfremden“ Disziplinen in einen Dialog zu bringen, um die kulturelle Rolle der Architektur in unserer Gesellschaft übergreifend zu reflektieren.