Farbige Meere, thalassische Architekturen

  • Hannah Baader

Grundordnungen. Wechselbeziehungen zwischen Geographie, Religion, Kultur und Gesetz

Vortrag im Rahmen der Tagung “Grundordnungen. Wechselbeziehungen zwischen Geographie, Religion, Kultur und Gesetz” am Zentrum für Literaturforschung Berlin.

Zaal Andronikashvili, Franziska Thun-Hohenstein

Mit der ,Verschiebung Europas nach Osten’ scheint die Geographie in die Politik zurückgekehrt. Nicht nur Konflikte im ,Nahen Osten’ und im ,zentralasiatischen Hochland’, sondern auch die ethnisch-konfessionellen Grenzziehungen und ,ethnischen Säuberungen’ auf dem Balkan verweisen auf eine verstärkte Bezugnahme kultureller und politischer Ordnungen auf den Raum. Die Konflikte sind symptomatisch für eine gegenwärtige Krise, in die das viele Jahrzehnte allein vom Westen her gedachte Projekt einer transnationalen Integration ‚Europas’ geraten ist. In dieser Situation geht es der Tagung darum, nach der Beziehung von Raum und Ordnung in der europäischen Kulturgeschichte zu fragen. Im Blick auf die jüngeren politischen Verwerfungen einerseits und angesichts des ‚topographical/ spatial turns’ in den Humanities sind gerade die historisch arbeitenden Kulturwissenschaften zu einer kritischen Analyse geopolitischer Konzepte und Entwicklungen aufgerufen. Im Zentrum der Tagung steht dabei das Vorhaben, Europa von seinen vermeintlichen Rändern her neu zu beleuchten und nach den Wechselbeziehungen zwischen geographischer, religiöser, kultureller und politischer Ordnung zu fragen. Anders gesagt:

Welche anderen Gründe sind es neben dem Grund – im Sinne von Boden/ Territorium – , auf/ mit denen eine Grundordnung – im Sinne von Verfassung – begründet wird ?
Tatsächlich haben sich kulturelle und politische Ordnungen stets in Beziehung zu einem ,Territorium’ konstituiert: in Beziehung zum ,eigenen’ Boden oder zum ,Mutterland’, zu ‚natürlichen Grenzen’, zu Räumen, Landschaften und Horizonten. Selbst noch Begriffe wie Exil oder Diaspora definieren sich über die Entfernung von einem als originär verstandenen Ort. Territorien und Orte sind Bezugspunkte und Schauplätze von Gründungserzählungen, mit denen Gemeinschaften den Ursprung von Zugehörigkeit, Legitimität und Souveränität erinnern und basale Unterscheidungen treffen, wie jene zwischen Eigenem und Fremdem, zwischen Freund und Feind. Der Begriff der ‚Grundordnung’ soll in seiner Mehrdeutigkeit gerade diese beiden Bereiche zusammendenken und die Beziehung von Boden und Gründung befragen.

Im Hinblick auf ‚Europa’ jedenfalls steht die Frage nach der politischen Grundordnung oder der Verfassung ,Europas’ immer in Verbindung mit der Frage nach Grenzen – sein es die immer schärfer gezogenen Außengrenzen, sein es die zahlreichen Binnendifferenzierungen, die sich zwischen den verschiedenen Zonen und Regionen Europas abzeichnen – ebenso wie der Frage nach Transfers und Migrationen, Verbindungen und Verträgen. Dabei sind weniger solche Fälle interessant, in denen politische und geographische Einheit in einer Landnahme zusammenfallen, da solche vermeintlich ,normalen’ Nationsbildungen im Horizont von Europas Rändern eher eine Ausnahme darstellen. Charakteristisch sind hier vielmehr komplexe Überschreibungen und Überschneidungen von Grenzen, welche die prämodernen Imperien ebenso prägen wie die post-nationalen Staaten und Staatenverbände.

Das Forschungsprojekt “Topographie pluraler Kulturen Europas in Rücksicht auf die ‘Verschiebung Europas nach Osten'” hat es sich unter anderem zur Aufgabe gesetzt, Untersuchungsparameter zu entwickeln, die quer zu den Gegenständen der Einzelwissenschaften stehen, und diese versuchsweise ‘Textordnungen’, ‘Bildordnungen’, ‘Kleiderordnungen’, ‘Affektordnungen’ und ‘Grundordnungen’ genannt. In einer Reihe interdisziplinärer Symposien werdenen unter Beteiligung von Kunst-, Literatur- und Religionswissenschaftlern sowie von Arabisten, Judaisten, Slawisten und Turkologen grundlegende Voraussetzungen für jede kulturwissenschaftliche Forschung untersucht, die es mit unterschiedlichen Religionen und Kulturtechniken zu tun hat.