Harrison Whites Playground

Eine Gründungsszene der Theorie von Identität und Kontrolle

Harrison White beginnt beide Werke zu seiner Theorie von Identität und Kontrolle (1992 und 2008) mit dem Verweis auf den „playground“ – dem Kinderspielplatz –
als Illustration. Man kann dies durchaus als eine Gründungsszene für seine Theorie lesen, die in prägnanter Weise eine zentrale These seiner Arbeit in den Vordergrund stellt: Identitäten werden durch zufällige Ereignisse und die Reaktionen darauf
hervorgebracht, sie sind „stochastic flows over time whose primary shapers and switchers come from the others, … – as co-constituted context“ (White 2008: 4). Auf dem Spielplatz kommt ein Haufen sehr unterschiedlicher Kinder zusammen, deren Ordnung und Anordnung auf dem Spielplatz sich durch eine Reihe von Zufälligkeiten ergibt und sich in der Zeit zu typischen Erzählungen verdichtet. Sozialität ist ein unübersichtliches Geschehen, indem Ordnungskerne durch Ereignisse angestiftet werden und sich nur als selbstähnliche Verteilungen erkennen lassen. Wie lässt sich nun der Einfluss dieser Gründungsszene auf die Theorie Whites einschätzen und reflektieren? Schmitt skizziert das multioptionale Modell des Spielplatzes als eine ex post eingeführte Gründungsszene, deren Status für die Theorie eher diejenige eines Beispiels ist innerhalb einer ansonsten von naturwissenschaftlichen Anleihen gefärbten Theoriesprache.

Zur Tagung: Soziologische Theorien entstehen nicht aufgrund abstrakter Modellierungsfragen, sondern nehmen ihren Ausgang von konkreten Problemlagen. Sie adressieren, beschreiben und inszenieren einen Ausschnitt der sozialen Welt, der ohne ihre Hilfe unsichtbar oder unverständlich bliebe. Im analytischen Zentrum vieler Theorien steht eine unverwechselbare »Gründungsszene«, ein reales Bezugsproblem, das die Theoriebildung motiviert, anleitet und erdet. Gründungsszenen sind also empirisch prägnante Miniaturen soziologisch virulenter Fragen und Phänomene. Die Arbeitstagung zielt auf die Markierung und Entfaltung solcher Schaltstellen und macht sie zum Ausgangspunkt einer interparadigmatischen Diskussion.
Organisiert wurde die Arbeitstagung der Sektion „Theoretische Soziologie“ der DGS von Sina Farzin (Bremen) und Henning Laux (Jena).