Goffman: Hierarchische Interaktion und aufgenötigte Perspektivübernahme

Betrachtet man Erving Goffmans Interaktionstheorie ausgehend von der immer ähnlich angelegten Modellsituation aus, so lassen sich die Gründe der Begrenzungen von Goffmans Argumentation besser erfassen. Aus ihr ergibt sich erstens die Konzentration auf die vertikale Dimension sozialer Ordnung (gemäß der Perspektive des Aufsteigers, der sich vor dem Absturz fürchtet) – und auf Fälle, in denen die Beteiligten sich einer Statushierarchie konfliktfrei unterordnen. Zweitens eine Konzentration auf Handlungsabläufe, die von einer reflexiven Komponente domi-niert werden. Goffman orientiert sich an einer Situation der Irritation – und damit (wie sich aus der pragmatistischen Perspektive, die Goffman aufnimmt, erkennen lässt) am Spezialfall einer Situation, die Reflexion in Gang setzt. Drittens ergibt sich daraus eine einseitige Konzentration auf Scham und Angst, was die ordnungsbildenden (bzw. –erhaltenden) Wirkungen von Affekten angeht. Selektiv ist Goffmans Beschreibung bereits innerhalb eines Modells hierarchischer Interaktion (Wut und andere Emotionen des Aufbegehrens spielen kaum eine Rolle) und selbst innerhalb eines Modells konservierender Statuseffekte (er behandelt kaum die Reaktionen der mit einem höheren Status Ausgestatteten, etwa: den Ekel gegen die Niederstehenden).

Zur Tagung: Soziologische Theorien entstehen nicht aufgrund abstrakter Modellierungsfragen, sondern nehmen ihren Ausgang von konkreten Problemlagen. Sie adressieren, beschreiben und inszenieren einen Ausschnitt der sozialen Welt, der ohne ihre Hilfe unsichtbar oder unverständlich bliebe. Im analytischen Zentrum vieler Theorien steht eine unverwechselbare »Gründungsszene«, ein reales Bezugsproblem, das die Theoriebildung motiviert, anleitet und erdet. Gründungsszenen sind also empirisch prägnante Miniaturen soziologisch virulenter Fragen und Phänomene. Die Arbeitstagung zielt auf die Markierung und Entfaltung solcher Schaltstellen und macht sie zum Ausgangspunkt einer interparadigmatischen Diskussion.
Organisiert wurde die Arbeitstagung der Sektion „Theoretische Soziologie“ der DGS von Sina Farzin (Bremen) und Henning Laux (Jena).