Kosmische, symbolische und finanzielle Schulden, Energiereserven, Ungleichgewichte, Leben und Zeitlichkeit

auf Französisch ging Marcel Hénaff auf das Kerngebiet seiner wirtschaftsanthropologischen Forschungen zur Reziprozität der Gabe und den resultierenden sozialen Geflechten ein:

Jede Schuld wirkt auf ihre Zeit. Die gilt für symbolische Schuld – ein Dienst, den es erst noch zu erweisen gilt, ein Fehler, der wieder gutzumachen ist, Rache, die man nimmt, wie auch für finanzielle Schuld: es gibt einen Zahlungsplan, es gilt eine Frist. Schulden zwischen Menschen schaffen Abhängigkeiten oder die Notwendigkeit der Replik. Denn es geht immer darum, ein verlorenes Gleichgewicht wieder herzustellen, eine gestörte Ordnung neu zu errichten, verbrauchte Energie zu ersetzen, ein bedrohtes Leben zu rekonstruieren.
Als verberge sich hinter menschlichen Schulden eine kosmische Schuld, deren Referenz die Welt als Ordnung und Energiereserve ist. Ist dies eine metaphysische Sichtweise? Eine religiöse Vision? Gibt es eine Beziehung zwischen den Schulden der Menschen und der Ordnung der Welt? Zwischen den Brüchen im Gleichgewicht und der Zeit? Gibt es eine Lebensschuld? Dies sind die wichtigsten Fragen, die ich auf den folgenden Seiten diskutieren möchte, auch um in Perspektive zu setzen, inwiefern die globale Finanzverschuldung im Zentrum der modernen Ökonomien steht und das Schicksal unserer Gesellschaften bestimmt.

Abendvortrag im Rahmen der von Thomas Macho und Irini Athanassakis veranstalteten Tagung: BONDS: SCHULD, SCHULDEN UND ANDERE VERBINDLICHKEITEN