Theaterzeugen und/oder Gerichtszeugen?

Zur Konzeption von Zeugenschaft bei Reinszenierungen von Gerichtsprozessen

Sylvia Sasse konzentriert sich auf die Kategorie des Zeugen in drei verschiedenen Reinszenierungen von Gerichtsprozessen. Sie analysiert Inszenierungen von Nikolaij Evreinov (1939), der auf Prawda-Artikel der Moskauer Schauprozesse zurückgriff, von Michail Satrov (1988), der zudem Elemente der Agitprop-Gerichtsspiele aufnahm sowie die vieldiskutierten “Moskauer Prozesse” Milo Raus (2012), die sich auf kürzlich erfolgte Anklagen gegen russische Künstler und Kuratoren beziehen.

Ein Beitrag zu der Konferenz “Beyond Evidence. The Do cumentary in Art”, organisiert von Daniela Hahn, Internationales Graduiertenkolleg “InterArt”, Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin, Tagungsabstract:

Seit einigen Jahren zeichnet sich in den Künsten wie auch in kultur- und kunstwissenschaftlichen Debatten ein zunehmendes Interesse an dokumentarischen Praktiken ab. Vor diesem Hintergrund wendet sich die interdisziplinäre Tagung den Relationen von Dokumentarismus und einer Medien- und Wissensgeschichte des Visuellen zu. Der Begriff der Evidenz ist in diesem Kontext geeignet, die Verfahren der Sichtbarmachung und Darstellung sowie die Strategien der Beglaubigung und des Beweises zu untersuchen, wie sie für dokumentarische Praktiken kennzeichnend sind. In dieser Erkundung von Prozessen der Evidenzproduktion im Dokumentarischen treten gerade jene Ambivalenzen von Augenfälligkeit und Opazität, von Wahrscheinlichkeit und Wahrheit, von Beglaubigung und Zweifel in den Blick, die eine einfache Referenzlogik von Repräsentation und Repräsentiertem suspendieren.