Kritik der Rechtsgewalt

Christoph Menke (Exzellenzcluster Normative Orders, Frankfurt am Main) und Daniel Loick (Institut für Philosophie / Universität Frankfurt am Main)

Daniel Loick und Christoph Menke diskutieren ihre Neuerscheinungen in der MittwochsPraxis bei b-books.
Dass die Menschen das Recht brauchen, und es kein Recht ohne Gewalt gibt, ist in der politischen Philosophie einigermaßen unhinterfragt. Zwei aktuelle Neuerscheinungen, Christoph Menkes “Recht und Gewalt” und Daniel Loicks “Kritik der Souveränität”, nehmen Walter Benjamins Projekt einer grundsätzlichen Problematisierung der Rechtsgewalt wieder auf, interpretieren es aber auf unterschiedliche Weise.
Christoph Menke versteht das Verhältnis von Recht und Gewalt als paradox: Beide schließen sich aus, bedingen einander aber doch. Es gibt kein Recht, das sein Ziel der Gewaltüberwindung nicht auf Gewaltanwendung stützte. Sein Essay zielt auf den Nachweis, dass die Gewalt des Rechts in der politischen Prozedur steckt, die das rechtliche Urteilen legitimiert. Vor allem durch den Rekurs auf literarische Texte (Aischylos, Kleist, Heiner Müller) legt er die untergründig wirksame Logik frei, die die Ebene der Berechtigung rechtlicher Urteile mit der körperlich-seelischen Ebene ihrer gewaltsamen Durchsetzung innerlich verbindet. Benjamins Idee einer “Entsetzung des Rechts” wird als das Programm einer Selbstreflexion des Rechts erläutert: als ein Recht wider Willen. Für Daniel Loick ist die Gewalt des Rechtszwangs ironisch: So wie nach der Analyse von Horkheimer und Adorno die Irrationalität der aufgeklärten Welt die “Vernunft der vernünftigen Gesellschaft als obsolet” denunziert, so denunziert das gegenwärtige Ausmaß des staatlichen Gewaltaufkommens das Recht der rechtlichen Gesellschaft als obsolet. Diese Dynamik als ironisch zu verstehen, heißt zugleich die Forderung nach der grundsätzlichen Eliminierung der Gewalt in der Politik zu erheben und einen Anspruch auf ein anderes, ein nicht mehr zwangsbewehrtes Recht zu stellen.

Daniel Loick, Kritik der Souveränität, Campus Verlag 2012, 34,90 €
Christoph Menke, Recht und Gewalt, Kleine Edition 4, August Verlag Berlin 2011, 9,80€

Vorstellung von Katja Diefenbach, Statement von Daniel Loick, Statement von Christoph Menke, Diskussion untereinander, die Diskussion mit dem Publikum wurde herausgekürzt, da nur die Antworten hörbar waren.