Die Virtuosität des Wissens – Max Bense, Werner Heisenberg und das Prekärwerden von Exzellenz

Rieger Stefan

Eine vom Bayrischen Rundfunk veranstaltete Diskussion bringt den Physiker Werner Heisenberg (1901-1976) und den Semiotiker rsp. Informationsästhetiker Max Bense (1910-1990) ins Gespräch. Bei diesem Dialog zwischen Experten und Dilettanten soll ausgerechnet der Stellenwert moderner Kunst behandelt werden. Was dabei allerdings vielmehr zu Tage tritt, ist die Labilität von Exzellenz und deren Prekärwerden dort, wo sich diese zum Überschreiten der je eigenen Disziplinen anschickt.
Stefan Rieger ist Professor für Mediengeschichte und Kommunikationstheorie an der Ruhr-Universität Bochum. Veröffentlichungen u.a. zur Künstlichen Intelligenz, zur Ästhetik des Menschen, zu einer Kybernetischen Anthropologie und zu einer Mediengeschichte der Kurve.

Zur Tagung: Prekäre Exzellenz. Ein Kongress zu Künsten, Ökonomien und Politiken des Virtuosen

Was ist virtuos? Alles, was sich so sehr steigern lässt, dass jemand es darin zu einer Vortrefflichkeit bringt, die andere verblüfft, begeistert, dazu motiviert, in Beifall auszubrechen – oder auch in Tumult und Protest. In der langen Geschichte des Virtuosen, die in der Renaissance beginnt und bis in sehr aktuelle Entwicklungen hinein andauert, hat man von einer Virtuosität des Wissenschaftlers und des Politikers gesprochen. Ingenieure, Schachspieler, Köche, Detektive und Akteure in vielen weiteren Disziplinen wurden als Virtuosen bezeichnet, sofern sie es verstanden, performative Exzellenz zu demonstrieren. Im 18. und 19. Jahrhundert erlangten die Star-Virtuosen in Musik, Tanz und Theater eine solche Popularität, dass man den Begriff des Virtuosen eine Zeitlang nahezu ausschließlich mit diesen
Künsten in Verbindung brachte. In der jüngeren Vergangenheit taucht das Virtuose aber wiederum in neuen Kontexten auf, die daran erinnern, wie vielfältig und weit gespannt das Bedeutungsspektrum von Virtuosität ursprünglich ist: Die Organisationstheorie befasst sich mit „collective virtuosity“ in ökonomischen Produktionsprozessen. In der politischen Theorie hat Paolo Virnos kritischer Begriff der „servile virtuosity“ sich etabliert, um die Arbeitsbedingungen im Postfordismus zu charakterisieren. Virtuosen-Disziplinen wie der improvisatorische Jazz erleben ein Comeback nicht nur musikalisch, sondern zugleich als Paradigma für freie, nicht-hierarchische Formen des Kooperierens. Die Kulturwissenschaften werden aufmerksam auf Virtuosität bei Sportlern, Gamern, Rappern, Skateboardern oder Freestylern.
Die Tagung Prekäre Exzellenz will sich dem Virtuosen in der ganzen Breite seines historischen, kulturellen, wissenschaftlichen, ökonomischen und politischen Wirkungsspektrums widmen – und dabei den Begriff „Virtuosität“ neu zur Debatte stellen: Was nennen wir virtuos? Warum nennen wie es virtuos? Welche Wertungen und Wertmaßstäbe impliziert das Urteil „virtuos“? Was verraten uns die Reaktionen auf virtuose Performance und die Diskurse, die sie begleiten, über die Wertesysteme und Bewertungspraktiken in unserer Gesellschaft? Virtuosität eröffnet einen komplexen und interessanten Zugang zu diesen Fragen, denn das Virtuose behauptet sich als eine äußerst prekäre Exzellenz: Virtuose Performance weist sich nicht im Verhältnis zu allgemein geltenden sozialen Standards von Leistung aus. Sie erfüllt nicht zunächst die Normen des Guten und Sehr-Guten, um sie dann zu übertreffen, sondern setzt sich irregulär über das Standardisierte hinweg, erfindet sich eigene Schwierigkeiten, bei deren Meisterung sie brilliert. Eben diese Eigenwilligkeit hat den virtuosen Performer in den Augen seiner Zeitgenossen stets auch zweifelhaft gemacht. Zur Geschichte des Virtuosen gehört neben den zahlreichen Zeugnissen für Anerkennung und große Erfolge auch eine Flut von Anfeindungen, Verrissen, wütenden Einwänden, die behauptete Exzellenz sei bloß Blendung, Scharlatanerie, Effekt ohne wahre Substanz. Nicht zuletzt wird in dieser Dynamik der Attestierung und Bestreitung von Exzellenz sichtbar, dass sich die Evidenz des Virtuosen nie durch die singuläre Figur alleine, sondern immer in einer Szene wechselseitiger Steigerung mit einem Publikum herstellt.
Am Virtuosen lassen sich daher die Spannungen zwischen einer Ökonomie des Effektes und denjenigen Wertsystemen studieren, die auf die Solidität von Leistung abstellen und beanspruchen, das Geleistete von der Singularität seiner Wirkung auf einen Adressaten trennen zu können. Diese Spannungen erlangen neue Aktualität in einer Performance-Gesellschaft, die auf der einen Seite Exzellenz zur Leitparole ausruft, auf der anderen Seite jedoch immer größere Schwierigkeiten hat, Kriterien zu bestimmen, die exzellente Performance ermitteln: Was zählt heute als Steigerung? Welchen Status hat Exzellenz, wenn neoliberale Programme in Wirtschaft, Politik, Bildung und Erziehung Ausnahmeperformance als neuen Standard definieren und so die Ausnahme zur Norm erklären? Inwiefern avanciert hier die Figur der Unterbietung zu einem kritischen Zwilling von Virtuosität?
Gabriele Brandstetter, Bettina Brandl-Risi, Kai van Eikels