Prospektives Transitorium: Der Zivilschutzraum als un/wirklicher Übergangsraum zur postapokalyptischen Zukunft

Silvia Berger (Universität Zürich)

Vortrag im Rahmen des Deutschen Historikertages 2010, Sektion: “Transitorische Räume: Arbeit an Grenzen in der Moderne” (Monika Dommann)
Was geschieht in Grenzgebieten, Zwischenwelten und Randzonen, mit denen sich bereits 1909 Arnold van Gennep beschäftigt hatte und die beinahe hundert Jahre später bei Marc Augé als supermoderne Nicht-Orte ohne Eigenschaften mitten in einem dichten Netz von Transportinfrastrukturen beschrieben werden? Welcher kulturgeschichtlicher Gewinn könnte aus der Analyse jener Praktiken entstehen, die sich an „Grenzen“ in einem weit gefassten Sinn abarbeiten? Beispiele dafür sind etwa die Schwelle, die in der Architektur jenen Ort begründet, an der die Grenze zwischen Innen und Aussen, Öffentlich und Privat oder auch Warm und Kalt fixiert wird, jedoch auch jenes Moment darstellt, wo diese überschritten werden kann und wo die Begrenztheit des umschlossenen Raumes mit der Unbegrenztheit der Welt verbunden werden kann.

Der Suezkanal um 1900 als eine Schleuse, an der sich spezifische Rites de passage herausbildeten, die den imperialen Raum rhythmisierten. Das Warenlager, wo grundlegende Funktionen moderner Ökonomien (Produktion und Distribution) zusammenfliessen, sich dabei vermischen und zu einem Nadelöhr des modernen Welthandels avancieren, an dem sich die Vision des reibungslosen Flusses der Waren genauso manifestiert, wie die Möglichkeit ihres Unterbruchs durch Pannen oder Streiks. Die Zivilschutzbauten des Kalten Krieges, Gehäuse des Übergangs, Überlebenskapseln in eine postapokalyptische Zukunft, welche mit der gegenwärtigen Zeit brechen und den Beginn einer neuen Ära markieren sollen. Die historischen Einwandererkontrollstationen und Grenzdurchgangslager – Nicht-Orte moderner Migrationen – die neuerdings zu geschichtspolitisch überformten, hypermythisierten Erinnerungsorten der multikulturalisierten Nation avancieren. Oder die Flughäfen des post 9/11, wo neben den traditionellen Transiträumen, nun Warteräume, Sicherheitsbereiche, Konsuminseln etc. den Übergang von einem Land ins andere regeln.

Das vorgeschlagene Panel geht von der These aus, dass sich transitorische Räume nur in den Grenzgebieten traditioneller Disziplinen wie Architektur, Geschichte und Museumswissenschaft analysieren lassen und dabei die Beziehungen zwischen materiellen Kulturen und sozialen Praktiken (wie Rituale und Routinen) zentral sind für das Verständnis der Funktion transitorischer Räume für moderne Gesellschaften. Eine Diskussion möglicher analytischer Konzepte soll dabei im Vordergrund stehen.